Forum Islam und Naher Osten (FINO)

GEFRAGT - GESAGT

Viele Anfragen, die an FINO gerichtet werden, haben ähnliche Sachverhalte und Problemstellungen vor Augen. Daher sollen in dieser wöchentlich aktualisierten Rubrik nach und nach Themen exemplarisch vorgestellt werden, die besonders häufig nachgefragt werden. Bei den Antworten von «FINO Info» handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Themenfelder, sondern um eine – wir hoffen allgemeinverständliche – Darstellung allein des problematisierten Sachverhalts. Das FINO-Team versucht, die Sachverhalte jeweils auf der Grundlage der neuesten Forschungserkenntnisse zu schildern. Allerdings ist bisweilen auch die Darstellung des Sachverhalts in der Wissenschaft umstritten. Auf besonders strittige Punkte wird deshalb gesondert hingewiesen.

Der Dschihad ist ein Begriff mit einer langen Geschichte. Und wie jeder Begriff, der eine lange Geschichte hat, lässt sich der Dschihad daher nicht definieren. Selbst muslimische Juristen hatten keine einheitliche Vorstellung von dem, was der Dschihad bezeichne. Lesen Sie weiter ...

Eine oft gestellte Frage betrifft die Einordnung des Terrorismus, der von sich als Muslime verstehenden Menschen verübt wird, in das Gefüge der islamischen Tradition. Gängige Begriffe wie «Islamisten», «Dschihadisten», «Salafisten» oder «islamistische Terroristen» sind unpräzise und wenig leistungsfähig. Daher wurde schon vor einigen Jahren die Bezeichnung «ultraislamisch» eingeführt. Lesen Sie weiter...

Der Name «Wahhabiten», der seit dem frühen 19. Jahrhundert geläufig ist, ist die Fremdbezeichnung für eine puritanische Gemeinschaft von islamischen Unitariern, die sich Mitte des 18. Jahrhunderts in den Fürstentümern des zentralen Hochlands der arabischen Halbinsel (Nadschd / Naǧd) gebildet hatte.

Die Tehreek-e-Labbaik Pakistan (TLP, «‘Hier bin ich’-Bewegung von Pakistan») ist eine rechtsradikale, islamische politische Splitterpartei, die der Prediger Khadim Hussain Rizvi (Ḫādim Ḥussayn Riḍwī) 2015 im Milieu der pakistanischen islamischen Barelwī-Konfession gegründet hat und die als politischer Arm der «Bewegung ‘Hier bin ich, oh Gesandter Gottes’» (Tehreek Labbaik Ya Rasool Allah) gilt.

Huthi ist der Name einer nordjemenitischen Familie. Sie hat einflussreiche Gelehrte des zaiditisch-schiitischen Islam hervorgebracht, die im sozialen Gefüge des Nordjemens gut vernetzt sind. Seit den 1990er Jahren führen sie den Protest gegen die wirtschaftspolitische Vernachlässigung der Provinz Saʿda vonseiten der Zentralregierung in Sanʿāʾ an. Wegen ihrer Opposition zur Regierung werden die Huthi und die Mitglieder der von ihnen mobilisierten Bewegung meist als Huthi-Rebellen bezeichnet. Aufgrund ihres zaiditisch-schiitischen Glaubens wird ihr Protest zudem konfessionell gedeutet – teilweise auch von den Huthi selbst.

Unter der Bezeichnung «Sunniten» und «Schiiten» werden heute zwei islamische Konfessionen verstanden. Der Begriff «Schiiten» bezieht sich vor allem auf die imamitische Tradition der Schia (s.u.). Hingegen ist der Begriff «Sunniten» ähnlich schillernd wie die Bezeichnung «Protestanten». Es gibt keinerlei Konsens darüber, welche islamische Tradition am ehesten als «sunnitisch» gelten könnte. Die heterogenen schiitischen und sunnitischen Traditionen wurden erst in der Neuzeit zu Konfessionen, die als regionale «Blöcke» auch politische Bedeutung erlangen sollten. Im Zuge der Konfessionalisierung wurden die Begriffe «Sunnit» und «Schiit» bis in die islamische Frühgeschichte zurückprojiziert und als Teil der Gründungsgeschichte des Islam interpretiert.

Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, wie in der westlichen Öffentlichkeit arabische Namen zu verwenden sind. Die uns vertraute Kombination von Vorname und Familienname sowie die hierarchische Vorrangstellung des Familiennamens sind in arabischen Traditionen eher unüblich. Zwar werden heute auch Familiennamen benutzt, doch haben sie nicht die bei uns übliche Funktion, den Einzelnen über seine Zugehörigkeit zu seiner Elternfamilie zu identifizieren. Ähnlich wie in der spanischen Tradition dienen die Zunamen, die an den persönlichen Namen angefügt werden, nicht als Familienname im eigentlichen Sinn, da sie keinen gemeinsamen Nachnamen für die Mitglieder einer Familie darstellen. Wie aber sehen arabische Namen eigentlich aus?

Der Streit um das muslimische Kopftuch und mehr noch um die Gesichtsverschleierung, die unter dem irrigen Stichwort Burqa abgehandelt wird, suggeriert, dass der Koran und die Prophetentradition hierzu eindeutige normative Grundlagen anbieten würden. Tatsächlich aber bietet weder der Koran noch das Corpus von Überlieferungen über die Verhaltensweise des Propheten Muḥammad klare und differenzierte Regeln bezüglich der Frage, ob und wenn ja wie sich Frauen das Haupthaar oder gar das Gesicht zu verhüllen hätten. Wie oft in religiösen Traditionen wurden auch in der islamischen Geschichte spätere Vorstellungen von Ordnung und Rechtmässigkeit durch Rückverweise auf die religiösen Gründerschriften rechtfertigt. Lesen Sie weiter ...

Seit Beginn der 1980er Jahre hat sich weltweit eine Industrie herausgebildet, die für einen muslimischen Markt Güter mit dem Label Halal anbietet. In Südostasien und Australien wurden auch die ersten Agenturen gegründet, die staatlichen Reglementen entsprechend Waren und Dienstleistungen als Halal zertifizieren. Als Halal gelten Waren und Dienstleistungen dann, wenn sie den muslimischen rituellen Reinheitsgeboten entsprechen. Die Entwicklung der globalen Halal-Industrie ist eine Erfolgsgeschichte. Bereits 2007 wurde der weltweite Umsatz auf dem Halal-Markt auf über 570 Mrd. US-Dollar geschätzt. Und der Markt expandiert: für die Zukunft wird davon ausgegangen, dass weltweit etwa 20% der Nahrungsmittelproduktion Halal-Standards entsprechen werden (heute sind es etwa 15%). 2010 war der weltweite Umsatz auf über 630 Mrd. gestiegen. 2013 überschritt der Wert des Halal-Lebensmittelmarkts die 1 Billion-Grenze, und für 2024 wird schon ein Umsatz in Höhe von 2,5 Billionen erwartet. Die grosse Herausforderung für die erfolgreiche Halal-Industrie sind bis heute die unterschiedlichen Zertifizierungsstandards.

Der Begriff taqiyya hat eine seltsame Karriere hinter sich. Ursprünglich eng mit der politischen (Früh-)Geschichte schiitischer Gemeinschaften verbunden, wird er von Schiiten heute eher als etwas Verwerfliches gesehen, während taqiyya für das sunnitische Glaubensverständnis per se kaum je eine Rolle gespielt hat. Beliebt ist der Begriff heute jedoch v.a. bei islamfeindlichen Kommentatoren, die ihn bemühen, um Musliminnen und Muslime pauschal der göttlich sanktionierten Verlogenheit zu bezichtigen.

Der Ausdruck Scharia (šarīʿa) blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Einst in seiner ursprünglichen Bedeutung „Weg zur Tränke“ oder „Zugang zur Wasserstelle“, wie ihn Nomaden bereits in vorislamischer Zeit verwendet haben und noch verwenden, legte er eine schöne Metapher für den richtigen, wenn nicht gar überlebenswichtigen Weg vor. Bei vielen Nicht-Muslimen löst er Ängste aus und steht für göttliches Recht und drakonische Strafen, während in innermuslimischen Debatten seine Bedeutung höchst umstritten ist. Dennoch wünscht sich gemäss einer gross angelegten Umfrage des Pew Research Center eine grosse Mehrheit der Musliminnen und Muslimen die Scharia als offizielles Recht ihres Landes. Wie hat sich der Begriff über die Zeit verändert und wofür steht er heute? Was kann und soll unter dem Begriff Scharia verstanden werden?

Der Kommandant der sogenannten Libyschen Nationalen Armee (LNA), General Khalifa Haftar, weist sein militärisches Vorstossen in Gebiete, die von der UN-gestützten Einheitsregierung und ihren Milizen kontrolliert werden, immer wieder als Kampf gegen ultraislamische Kampfverbände wie den IS oder al-Qaida aus. Sein angebliches Vorgehen gegen Extremisten kommt in der Region, aber auch bei Regierungsvertretern in Europa und Russland gut an. Obschon der Westen offiziell hinter der Einheitsregierung in Tripolis steht, verhelfen die militärischen Aktionen Haftars seinen Machtansprüchen deshalb zunehmend auch dort zu Legitimität. Dabei wird oft übersehen, dass Haftar selber auf Kämpfer von Milizen setzt, die einem ultraorthodoxe islamischen Netzwerk angehören, und zwar den sogenannten Madḫalīs. Doch wer sind eigentlich diese Madḫalīs?

In den Diskussionen um die Bildung einer islamischen Religionsgemeinschaft spielt das Problem, wie religiöse Pluralität organisiert werden kann, eine wichtige Rolle. Wie umfassend ist die islamische Ökumene? Wie könnte in einer islamischen Religionsgemeinschaft der Minderheitenschutz sichergestellt werden? Und sollten jene Gemeinschaften verfahren, die in der Frage gespalten sind, ob sie Teil der islamischen Ökumene sind? Das Problem zeigt sich vor allem in Bezug auf die alevitischen Gemeinschaften. So sollen hier einige Informationen zu den Aleviten zusammengestellt werden, die in der Debatte um die islamische Ökumene eine Rolle spielen können.