FINO-INFO: Chronologie des Arabischen Frühlings

FINO-INFO: Chronologie du printemps arabe

Zusammengestellt nach Larbi Sadiki (ed.): Routledge Handbook of the Arab Spring – Rethinking Democratization. New York: Routledge, 2015.

17.12.2010 - In der mitteltunesischen Industriestadt Sidi Bouzid setzt sich der Gemüsehändler Muhammad Būʿazīz selbst in Brand, weil lokale Behörden ihn erniedrigend den Verkauf seiner Waren verwehren. In den folgenden Tagen verbreitet sich der Protest vor allem der jüngeren Generation übers ganze Land.

28.12.2010 - Der tunesische Präsident Bin ʿAlī besucht Būʿazīzī und kündigt Massnahmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen an und zitiert den französischen Präsidenten Charles de Gaulle, der am 4. Juni 1958 in Algier einer grossen Menschenmenge zugerufen hatte „Je vous ai compris!“: fhemtkum! ("Ich habe euch verstanden").

03.01.2011 - In Algerien kommt es zu Gewaltausbrüchen, da Demonstranten behaupten, die Regierung sei für Korruption, Einschränkungen der Redefreiheit und schlechte Lebensbedingungen verantwortlich.

08.01.2011 - In dem Bemühen, die Lage zu beruhigen, senkt die algerische Regierung die Lebensmittelpreise und senkt die Steuern auf Zucker und Speiseöle; dies ist jedoch erfolglos.

12.01.2011 - Die algerische Regierung senkt die Lebensmittelpreise und senkt die Steuern auf Zucker und Speiseöl: Algerien steht vor dem Ausnahmezustand, da die Unruhen schnell zu Selbstverbrennungen eskalieren.

14.01.2011 - Bin ʿAlī beugt sich dem Protest und flieht ausser Landes nach Saudi-Arabien.

25.01.2011 - In Ägypten gehen Tausende beim ersten koordinierten Massenprotest, der als "Tag des Zorns" bezeichnet wird, auf die Straße und fordern, dass Husnī Mubārak nach drei Jahrzehnten an der Macht zurücktritt.

27.01.2011 - Erste Massenproteste im Jemen, Forderung nach Rücktritt des langjährigen Präsidenten ʿAlī ʿAbdallāh Sālih.

28.01.2011 - In Kairo besetzen Demonstranten den Tahrīr-Platz, nachdem Mubārak im Fernsehen sich weigerte, als Präsident zurückzutreten. Der besetzte Platz wird zum Symbol der der ägyptischen Proteste und des Arabischen Frühlings insgesamt.

30.01.2011 - Im Sudan verbreiten sich die ersten Strassenproteste gegen die Herrschaft von ʿUmar al-Bashīr und seiner Entourage.

11.02.2011 - Der ägyptische Vizepräsident verkündet im Fernsehen den Rücktritt Mubāraks.

14.02.2011 - In Bahrain besetzen Tausende den Perlenplatz in der Hauptstadt Manama.

15.02.2011 - Demonstranten fordern in Benghazi das Ende der Herrschaft des libyschen Revolutionsführers Muʿammar al-Qaddāfī und riegeln die Stadt ab.

17.02.2011 - Beginn des militärischen Konflikts in Ostlibyen.

20.02.2011 - Militärische Kontrolle der Opposition über Benghazi.

20.02.2011 - Massenproteste in marokkanischen Städten mit der Forderung nach politischen Reformen und einer Reform der Verfassung.

02.2011 - Die algerische Regierung ergreift Maßnahmen, um die Lebensmittelpreise zu senken, die Beschäftigung anzukurbeln und gegen politische Korruption vorzugehen. In der Folge gelingt es der Regierung mittels massiven Polizeieinsätzen, die Proteste zu beenden.

09.03.2011 - Beginn der politischen Neuordnung in Tunesien mit der Auflösung der Partei des ehemaligen Präsidenten RCD.

14.03.2011 - Auf Bitten der Regierung von Bahrain stimmt der Golf-Kooperationsrat der Entsendung von Interventionstruppen aus Saudi-Arabien und den VAE nach Manama zu, mit deren Hilfe die Demonstrationen in der Folge unterdrückt werden..

15.03.2011 - Demonstranten in südsyrischen Städten protestieren gegen die Baath-Diktatur.

19.03.2011 - Der UN-Sicherheitsrat billigt in einer Resolution die Intervention von NATO-Einheiten im libyschen Krieg.

19.03.2011 - Erstes Verfassungsreferendum in Ägypten.

27.03.2011 - Neue Regierung in Tunesien nach weiteren Protesten gegen die alte Ordnung.

15.05.2011 - Die Stadt Misrāta im libyschen Tripolitanien erklärt sich unabhängig.

03.06.2011 - Der jemenitische Präsident Sālih überlebt ein Attentat und geht zur medizinischen Behandlung nach Saudi-Arabien

01.07.2011 - Verfassungsreferendum in Marokko angenommen: Stärkung der konstitutionellen Ordnung.

25.07.2011 - Politische Reform in Syrien: Konkurrierende Parteien erstmals offiziell zugelassen, werden aber weiter der Staatskontrolle unterstellt.

22.08.2011 - Rebellentruppen setzen sich in der libyschen Hauptstadt Tripolis fest.

23.09.2011 - Sālih kehrt aus Saudi-Arabien in den Jemen zurück.

25.09.2011 - Entdeckung von Massengräbern in Tripolis, Opfer des Massakers im Gefängnis von Abū Slīm 1996.

02.10.2011 - In Istanbul wird die Gründung einer ersten Oppositionsgruppe der syrischen Revolution angekündigt, mit Burhān Ghaliyūn als erstem Präsidenten. Der SNC bringt verschiedene alte und neue Oppositionsakteure zusammen.

20.10.2011 - Gaddāfī wird bei Sirte gefasst und getötet.

23.10.2011 - Erste freie Wahlen in Tunesien.

23.10.2011 - Der Führer des Nationalen Übergangsrats in Libyen Mustafā ʿAbdaljalīl erklärt die Befreiung Libyens von der Gaddāfī-Diktatur.

23.11.2011 - Der jemenitische Präsident Sālih übergibt Amt und Macht an seinen Vize ʿAbdrabbuh Mansūr Hādī durch Vermittlung des Golf-Kooperationsrats.

28.11.2011 - Erste Parlamentswahlen in Ägypten nach Beginn des Arabischen Frühlings.

12.12.2011 - Die tunesische Verfassungsversammlung wählte den Menschenrechtsaktivisten Munsif Marzūqī zum Präsidenten und Hamm Jebālī, Generalsekretär der islamistischen Nahda-Partei, zum Premierminister. Mustafā Bin Jaʿfar aus säkualistischen at-Takātul-Partei wird Sprecher der demokratisch gewählten Verfassungsgebenden Nationalversammlung. In Tunesien beginnt die so genannte "Troika" der geteilten Macht.

10.01.2012 - Der syrische Präsident al-Asad tritt erstmals nach März 2011 im Fernsehn auf, verspricht Reformen, verweigert aber den von Demonstranten geforderten Rücktritt.

23.05.2012 - Erste Präsidentschaftswahl in Ägypten: Muhammad Mursī und Ahmad Shafīq werden sich der Stichwahl stellen.

25./26.5.2012 - Massaker in der zur syrischen Gemeinde Hūla gehörenden Siedlung Tadlaw (25 km nördlich von Homs), Beginn der Militarisierung des Widerstands in Syrien.

02.06.2012 - Mubārak wird zu einer lebenslanger Haft verurteilt.

07.06.2012 - Erste Wahlen zur einer Nationalversammlung in Libyen.

14.06.2012 - Das Oberste Gericht in Ägypten löst das Parlament zwei Tage vor der Stichwahl zur Präsidentschaft auf.

16.06.2012 - Mursī gewinnt die Stichwahl.

15.07.2012 - Das IKRK erklärt offiziell Syrien zum Kriegsgebiet.

19.07.2012 - Ein Gericht in Tunis verurteilt Bin ʿAlī in absentio zu lebenslanger Haft.

11.11.2012 - Reorganisation der zivilen und militärischen Opposition in Syrien

22.11.2012 - Mursī sichert sich seine Macht durch präsidiale Dekrete, Beginn der Ausgestaltung des Staats als «islamischen Leviathan».

15./22.12.2012 - Verfassungsreferendum in Ägypten  mit fast zwei Drittel der Stimmen angenommen.

06.02.2013 - Ermordung des linken Juristen und Aktivisten Shukrī Balʿīd (Chokri Beilaïd) in Tunis provoziert neue Massendemonstrationen

23.02.2013 - Neubildung der Regierung in Tunesien, Konfrontation von islamistischen Parteien und dem Gewerkschaftsverband UGTT.

30.06.2013 - In Ägypten eskalieren die Massenproteste (tamarrud) gegen die Herrschaft Mursīs.

03.07.2013 - Der ägyptische Verteidigungsminister ʿAbdalfattāh as-Sīsī putscht mit Hilfe des Militärs gegen die Regierung Mursīs.

26.07.2013 - Ausnahmezustand in Ägypten, as-Sīsī verlangt Vollmachten, die Proteste gegen den Putsch zu unterdrücken.

14.08.2013 - Massaker mit Tausenden Toten auf dem Nahda- und Rābiʿa al-ʿAdawīya-Platz in Kairo.

21.08.2013 - Chemiewaffeneinsatz der syrischen Armee gegen Rebellen nahe der Hauptstadt Damaskus.

14.09.2013 - Folgenlose Definition einer «Roten Linie» in Syrien durch die US-Regierung, kontrollierte Vernichtung des Chemiewaffenarsenals in Syrien vereinbart.

23.09.2013 - Verbot der Muslimbrüder und ihrer Organisationen in Ägypten.

28.09.2013 - Technokratenregierung in Tunesien vereinbart.

18.12.2013 - Mursī wegen Terrorismus angeklagt.

14.01.2014 - Die syrische Stadt Raqqa fällt an den sogenannten IS.

14./15.1.2014 - Drittes Verfassungsreferendum in Ägypten: 98 % Zustimmung

22.01.2014 - Beginn der Gespräche in Genf zwischen der syrischen Opposition und der Regierung in Damaskus.

26.01.2014 - Neue Verfassung in Tunesien angenommen.

14.02.2014 - Der Generalmajor im Ruhestand, Khalīfa Haftar, erscheint im Fernsehsender Al-Arabia TV und kündigt die Suspendierung der Allgemeinen Nationalversammlung, der Regierung und der Verfassungserklärung in Libyen an. Beginn des zweiten libyschen Kriegs.

07.05.2014 - Rebellen ziehen sich aus Homs, der «Hauptstadt der Revolution» nach monatelanger Belagerung durch die syrische Armee und ihre Verbündeten zurück.

16.05.2014 - Haftar beginnt eine militärische Offensive in Benghazi.

26.–28.5.2014 - As-Sīsī wird mit 96,1% der Stimmen (Stimmbeteiligung 38%) in Ägypten zum Präsidenten gewählt.

04.06.2014 - al-Asad wird mit 88,7% (Stimmbeteiligung offiziell 73%) als Präsident wiedergewählt.

25.06.2014 - Zweite Parlamentswahl in Libyen.

18.10.2014 - Besetzung der jemenitischen Hauptstadt Sanaa durch Angehörige der schiitischen Ansār Allāh (Hūthī).

26.10.2014 - Wahlen zum tunesischen Parlament, Sieg der Nationalkonservativen vor den Islamisten.

23.11.2014 - Präsidentschaftswahl in Tunesien, Wahl des nationalkonservativen Kandidaten as-Sabsī (Essebsi).